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Der barocke Betsaal des "Römischen Kaisers"
der Familien Amson und Landauer
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Die Zeit der jüdischen Familien im Römischen Kaiser

Das Hausgrundstück des “Römischen Kaisers” ist seit 1536 dokumentiert. Zunächst Tagelöhneranwesen wurde es in der Mitte des 16. Jahrhunderts Wohnhaus von Sekretären des Deutschen Ordens, also höhergestellten Verwaltungsbeamten. Die Wittwe des Sekretärs Caspar Stachel, Anna, wurde 1590 als Hexe verbrannt. Der nächste Eigentümer war Dr. Johann Jacob Herold, Balleirat der Ordensballei Franken, der später geadelt wurde und zu dessen Aufgabe ab 1995 die Hexenverfolgungen bis 1630 gehörten . Seine Tochter Elisabeth ist eine berühmte Äbtissin der Zisterze Oberschönenfeld bei Augsburg. Ellingen starb im Jahr 1631 aus. Nach einem Raubzug von schwedischen Truppen und Weißenburger Bürgern hatte Ellingen keinen Einwohner mehr.
Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges begann in Ellingen eine neue Zeit. Wirtschaftskraft sollte angesiedelt werden. Auch an Juden wurden vom Deutschen Orden nun hochwertigere Immobilien verkauft.
  Der Römische Kaiser wurde vom Deutschen Orden der Familie Herold im April 1672 abgekauft und im Jahr 1682 an den „Schutzjuden“ Amson Löw verkauft, der das Gebäude sofort erweiterte. Der giebelständige Satteldachbau der heutigen Zeit stammt von ihm aus dem Jahr 1683, wie dendrochronologische Untersuchungen des Gebälks ergeben haben. Diese Familie Löw brachte zur Versorgung der Armen ihrer Familie am 18.9.1697 in die Rothische Stiftung ein Kapital ein von 3.000 fl. Sie war also recht begütert. 1724 wurde von der Familie Löw der Römische Kaiser erneut umgebaut. Möglicherweise wurde bereits dabei der Betsaal im ersten Stock eingebaut. Ganz sicher ist dies jedoch nicht. Vor allem die Ausstattung spricht für eine späteren Zeitpunkt.   RKWeb.jpg
Am 9.8.1741 kaufte Samuel Landauer das Gebäude. Er dürfte das Aussehen des Gebäudes bis heute nachhaltig geprägt haben. Im Jahr 1748 sind wohl in erster Linie Ausbauten und Modernisierungen im Inneren durch Franz Josef Roth vorgenommen worden, der sehr wahrscheinlich als Baumeister von 1724, vielleicht unter Verwendung von Plänen des in jenem Jahr verstorbenen Baumeisters des Ellinger Schlosses, Franz Keller, in Frage kommt.
       

Das Lebensgefühl des Samuel Landauer, abgeleitet aus dem Bauwerk:

Am 09.08.1741 kaufte Samuel Landauer den Römischen Kaiser von der Familie Löw.
Wie fühlt sich ein reicher Ellinger jüdischer Händler und Bankier, über den in der Inventarliste des Nachlasses des Hofmalers Johann Leonhard Schneider im Jahr 1768 verzeichnet steht:
„Bildnis des Ellinger Handelsjuden, als Kavallerist auf hohen Befehl gemalt.“

Bereits dieses Zitat bedarf einer Interpretation: „Auf hohen Befehl“ bedeutet, dass der damals regierende Landkomtur, Freiherr Sigismund von Lehrbach, ausdrücklich den Befehl dazu gegeben hat. Als Kavalleristen wurden nur Adelige oder hochwohlgeborene Personen porträtiert. Das Malen eines „Handelsjuden“ als Standesperson war eine Gnade, zu der sich Landkomtur von Lehrbach sicherlich nicht aus freien Stücken bemüßigt gefühlt hat. Wenn man aus den Unterlagen des Deutschen Ordens die Schulden des Landkomturs bei diesem jüdischen Bankier betrachtet, die Tatsache dazu nimmt, dass 1764 der vorhergehende Landkomtur von Eyb mit dem Preziosen und der Kasse der Kommende in die Schweiz geflohen war und nunmehr eine hohe Rente bezog, für die Zeit von 1763 bis 1773 eine Dürrekatastrophe für die Gegend überliefert ist, dann kann man daraus schließen, dass dies die gewünschte Gegenleistung für eine Krediterweiterung oder für einen Krediterlass gewesen sein musste.

Samuel Landauer konnte es sich auch leisten, im Jahre 1756 aus seinem Privatbesitz den Baugrund für die neue Synagoge an der Westseite seines Grundstückes zur Verfügung zu stellen. Er betrieb ein eigenes Schächthaus und besaß sehr wahrscheinlich ein eigenes, beheiztes Mique mit Oberflächenwasserzufuhr. Man findet ihn auch als Gast auf der Leipziger Messe (Messbuch 17??)

Passt dieses hier aufleuchtende Lebensgefühl des Samuel Landauer zum Gebäude des Römischen Kaisers? Wir kommen zurück zum Plan des Erdgeschosses und zu den Außenansichten des Gebäudes.
Die Tür zur Hauptstraße ist eine stattliche Tür, doch der Seiteneingang nach Norden ist ein Portal. Die prachtvollen Wohnräume der Familie befinden sich im Neubau, der rechtwinklig an das parallel zur Straßenseite stehende ursprüngliche Gebäude angebaut worden ist. Der Bereich von Portal und Prachttreppe ist durch eine Zwischentür vom vorderen Gangteil abgetrennt. Wir können für diese Zeit durchaus annehmen, dass die Tür zur Straße im Wesentlichen als Lieferanteneingang diente oder benutzt worden ist, wenn sich der Hausherr zu Fuß in die Stadt begab. Reiste man mit einer Kutsche an, wartete die Kutsche so, dass die Pferde bei Regen unter dem Torbogen im Trockenen stehen konnten.


Der barocke Festsaal wird zwar immer wieder als jüdischer Gebetsraum bezeichnet und hat sicherlich gelegentlich auch dazu gedient.  Die Mesusa an jeder Tür zum Saal beweist das.
Die Aufteilung der Räume, die Spiegel, der Stuck und der Schmuck und die Gestaltung des Zugangs lassen die Aussage zu, dass Samuel Landauer sich den Lebensstandard einer adeligen Standesperson leisten konnte und sich diesen auch leisten wollte. Die Prachtentfaltung des Salons mit der Zweckbestimmung eines Betsaales zu kaschieren, war sicherlich zweckmäßig.
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Abgesang 

In welchem Umfang der Siebenjährige Krieg zwischen 1756 und 1763, die Hungersnot von 1763 bis 1770, die Belastung der Balleikasse durch den geflohenen Landkomtur von Eyb und die hohen Schulden des Landkomturs die Liquidität der Familie Landauer belastet haben, kann hier nicht nachvollzogen werden.

Jedenfalls wird Samuel Landauer von seinem Sohn Elias Landauer 1773 beerbt, der 1776 den Römischen Kaiser an den „Goy“ Ferdinand Kugler verkauft hat, der darin die Billardwirtschaft mit dem Namen  „Römischer Kaiser“ eingerichtet hat. Ihm folgte 1795 Xaver Rottinger, nach seinem Grabstein an der Südmauer des   Kirchhofes der Pfarrkirche St. Georg „Ratsherr und Gastgeber“. Elias Landauer lebte noch einige Jahre in Ellingen, bevor seine Familie nach Harburg verzog. Der letzte Namensträger in Ellingen im Jahr 1820 galt als arm.
Noch einmal sollte der Römische Kaiser im Schicksal der Ellinger Juden eine Rolle spielen. Die Spruchkammer zur "Entnazifizierung" tagte im Saal. Diese Kammern war nach Wunsch der Siegermächte mit nicht belasteten Einheimischen besetzt um eine Selbstreinigung zu bewirken. Vorsitzender war der im Dritten Reich vom Nazi-Ortsgruppenleiter sehr verfolgte und gequälte Ortsvorsitzende der SPD, Peter Erl. Er war als Persönlichkeit großherzig genug, nicht Rache zu üben. Die strafrechtlich relevanten Tatbestände wurden daneben noch vom Landgericht Nürnberg-Fürth geahndet-parallel zu den großen Kriegsverbrecherprozessen dort. Spruchkammer2.JPG